Behind The Scenes: Wie mir Scrum beim Schreiben des LinkedIn-Newsletters „Scrum Impulse“ hilft

Im Oktober 2021 begann ich mit dem Schreiben auf LinkedIn. Meine ersten fünf Artikel wurden durchschnittlich von nur 100 Lesern gelesen. 

Heute wurde zum ersten Mal ein Artikel über 1000-mal gelesen. Dies entspricht einer Steigerung um das Zehnfache! 

In diesem Artikel lasse ich dich hinter die Kulissen blicken. In den vergangenen 8 Jahre habe ich bei meiner Arbeit mit Scrum Teams viel über Produktentwicklung gelernt. Welche dieser Einsichten mir beim Schreiben von „Scrum Impulse“ helfen, erfährst du in diesem Artikel.

Die Entwicklung digitaler Produkte kann nicht (perfekt) geplant werden

 

In der heutigen Welt gibt es zwei Arten von Produkt-Menschen.

Die Ersten sind Planer. Dies sind Menschen, die noch daran glauben, dass sie, wenn sie sich in ihr Büro einschließen und nur lange genug über alle möglichen Szenarien nachdenken und alle Sonderfälle analysieren, die perfekte Lösung finden, die alle Kunden begeistert. 

Die Zweiten sind Lerner. Diese Menschen haben verstanden, dass der Erfolg bei der Entwicklung digitaler Produkte von vielen Faktoren abhängt. Er kann deshalb nicht perfekt vorhergesagt werden. Sie akzeptieren Pläne als das, was sie sind: Wünsche. Sie fokussieren sich darauf, die Unbekannten frühzeitig zu eliminieren. Lerner erreichen dies, indem sie Schritt für Schritt von den Nutzern lernen, was diese wirklich begeistert. 

Scrum ist für die zweite Art von Produkt-Menschen gedacht. 

Nachdem ich im Oktober 2021 den Entschluss hatte auf LinkedIn zu schreiben. Ich hätte mich an meinen Schreibtisch setzen und mir eine Liste von Themen überlegen können, über die ich gerne schreiben würde. Bei der Auswahl möglicher Überschriften hätte ich darauf achten können, dass zu jedem Thema gleich viele Artikel erscheinen. Dadurch wäre jeder dieser Bereiche ausreichend abgedeckt worden. Ich hätte mir schon vorab eine Liste von Schlagworten überlegen können, wie ich die Artikel kategorisieren kann, um sie am Ende wiederzufinden. 

Dabei gibt es nur ein Problem: 

Ich würde denken und handeln wie ein Planer. Und dabei würde ich den wichtigsten Aspekt in der Produktentwicklung völlig vergessen: Es geht nicht um mich. 

Wie du bemerkt hast, handelt es sich nur um ichbezogene Wünsche. Ich überlege mir eine Liste von Themen. Ich achte darauf, dass jedes Thema die richtige Aufmerksamkeit bekommt. Ich kategorisiere die Beiträge. Ich schmiede Pläne und handle somit wie ein Planer-Produkt-Mensch: Jemand, der glaubt, er könne die Zukunft perfekt vorausplanen.

Betrachten wir digitales Schreiben als ein digitales Produkt und akzeptieren wir, dass ich darüber nichts weiß – dann können wir wie ein Lerner denken.

Die folgenden zwei Elemente des Scrum Rahmenwerks haben mir geholfen, diese Haltung einzunehmen. 

Sprints kontrollieren die zeitliche Investition

 

Leider sind Sprints immer noch die am stärksten missverstandenen Elemente in Scrum. 

Viele Menschen sind bis heute der Überzeugung, dass es in Scrum nur darum geht, dass Experten über Wochen die Anforderungen im Detail aufschreiben und das Team diese irgendwie in einen Sprint stopfen und sie umsetzen muss. Genau das Gegenteil ist der Fall! Sprints geben Scrum Teams ein Budget, welches sie investieren können, um eine Problemstellung bestmöglich zu lösen. Das entscheidende Wort hier ist bestmöglich. Es geht also nicht darum, alle Details einer Anforderung zu erfüllen, sondern darum, nur so viel umzusetzen, wie innerhalb eines Sprints möglich ist. Da wir nicht wissen, ob unsere Lösung das Problem lösen wird, sollten wir die Ausgaben für die Lösung begrenzen. Das ist die Idee hinter einem Sprint. 

Oder noch mal in anderen Worten gesagt: Wenn wir nicht wissen, was unsere Nutzer begeistert, helfen uns Sprints, die finanziellen Ausgaben beim Lernen einzugrenzen.

Wie setze ich Sprints jetzt in meinem eigenen Schreibprozess ein? 

Da ich nicht weiß, was die Leser lesen wollen und was sie begeistert, gebe ich mir für jeden Artikel nur eine Woche Zeit, diesen zu schreiben. Ich begrenze somit meine zeitliche Investition.

Innerhalb dieser Woche muss ich über den Hügel kommen. 

Für mich gleicht die Arbeit des Schreibens einem Hügel, den ich innerhalb einer Woche überschreiten möchte.

  1. Die erste Phase des Schreibens gleicht dem Anstieg. Ich überlege mir eine Überschrift, erstelle eine mögliche Outline und recherchiere Fakten oder Geschichten, die meine Punkte untermauern oder veranschaulichen.
  2. Die zweite Phase des Schreibens gleicht dem Abstieg. Wie bei einem professionellen Koch liegen jetzt alle Zutaten bereit, ich muss sie nur noch zusammenfügen. Ich fülle in die Outline die Geschichten, Anekdoten und Fakten ein. Ich reviewe den Artikel und lasse ihn Korrekturlesen.

Und jetzt kommt der entscheidende Vorteil, welchen mir der feste zeitliche Rahmen liefert. Ich verliere mich in keinem der Schritte. Merke ich, dass ich diesen Artikel nicht in der vorgegebenen Zeit schaffe, dann reduziere ich den Umfang. Ich streiche Punkte der Outline oder schränke die Fragestellung weiter ein, die der Artikel beantworten soll.

Da ich nicht weiß, was meine Leser begeistert, kann ein perfekter Artikel niemals das Ziel eines Sprints sein. Das Ziel kann nur sein, einen weiteren Artikel zu schreiben. Dies ermöglicht mir, mehr über die Leser und ihre Vorlieben zu lernen.

Damit kommen wir zum zweiten Element des Scrum Rahmenwerks, welches mir hilft, die Haltung des Lerner-Produkt-Menschen einzunehmen.

 

Lieferfähigkeit als Grundlage für Planbarkeit

 

Ich nenne es die fundamentale Gleichung der agilen Produktentwicklung:

Vorhersagbarkeit = Lieferfähigkeit

Etwas ausführlicher: Scrum ist auch ein Planungs-Rahmenwerk. Ja, du hast richtig gelesen. Ich weiß, oben habe ich noch geschrieben, Scrum ist ein Lern-Rahmenwerk. Bitte lass es mich erklären: Wider die vorherrschende Meinung entsteht Vorhersagbarkeit nicht durch bessere Planung, sondern durch die Verbesserungen der Lieferfähigkeit. Das ist es, was Scrum im Kern ermöglicht. Teams, die wirklich nach Scrum arbeiten, sind in der Lage, innerhalb eines Sprints eine auslieferbare Version des Produkts zu erstellen. Scrum Teams, die ihren Kunden Sprint für Sprint verlässlich neue Versionen des Produkts liefern, stellen Vorhersagbarkeit her. Sie versetzen Unternehmen in die Lage, auf Veränderungen innerhalb nur eines Sprints reagieren zu können. 

Die Lieferfähigkeit des Teams macht das Unternehmen agil.

Das Prinzip des „Done“-Inkrements nutze ich beim Schreiben. 

Jede Woche einen Artikel zu publizieren, hilft mir, meine Lieferfähigkeit zu entwickeln. Die Lieferfähigkeit bedeutet meine Schreibfertigkeit. Durch das regelmäßige Veröffentlichen entwickle ich nicht nur meine Schreibfähigkeiten weiter, sondern gewinne Vertrauen in meine Fähigkeit als digitaler Autor. Dies steigert meine Vorhersagbarkeit. Nach über 40 Artikeln habe ich mehr Selbstvertrauen erlangt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich eine Idee in einer Woche in einen veröffentlichten Artikel verwandeln kann.

Das Produkt-Inkrement schafft die Brücke zum Nutzer

 

Warum fällt es Softwareunternehmen leichter als traditionell produzierenden oder verarbeitenden Betrieben agil zu sein?

Ein Softwareprodukt stellt eine direkte Brücke zum Nutzer her. Software ist wandelbar und ermöglicht somit einen stetigen Dialog mit den Anwendern. Digitale Produkte verschaffen Unternehmen die Gelegenheit, direkt mit den Nutzern zu kommunizieren und sich stets an ihre Wünsche anzupassen. 

Dazu benötigen wir zwei Kommunikationswege:

  1. Den Weg vom Unternehmen zum Nutzer 
  2. Den Weg vom Nutzer zum Unternehmen

Der erste Weg ist das Liefern neuer Produktversionen. Den zweiten Weg stellen Nutzerfeedback, Telemetrie- und Verwendungsdaten usw. dar. Begreifen wir den ersten Weg als Hinweg und den zweiten als Rückweg, dann ergeben sie zusammen eine Lernschleife. Diese ermöglicht, dass Produktteams über die Verwendung ihres Produkts und die Vorlieben ihrer Anwender mehr erfahren können. 

Um mich als digitaler Schreiber zu verbessern, musste ich mir so ein Lernsystem schaffen. Dieses System muss Möglichkeiten für neue Artikelideen aufzeigen. Es steigert somit die Wahrscheinlichkeit, begeisternde Artikel zu schreiben.

Dies ist nicht schwer, da digitale Artikel ein einfaches Softwareprodukt darstellen. Für mich war nur die Erkenntnis wichtig: Nicht jeder einzelne Artikel ist ein eigenes Produkt, sondern alle Artikel zusammen bilden das Produkt. Mein Produkt heißt „Scrum Impulse“ und hat die Form eines LinkedIn-Newsletters.

Rekapitulieren wir noch einmal gemeinsam: Mein LinkedIn-Newsletter stellt sich als das Produkt dar. Die Artikel sind die Inkremente, welche eine Brücke zu den Lesern aufbauen. Sie beschreiben den Hinweg der Lernschleife. Es fehlt also noch der Rückweg, um die Lernschleife zu etablieren.

Der Wert für den Nutzer bestimmt den Weg zum Ziel

 

Woran orientieren sich Produktteams bei der Entwicklung?

Am Produkt-Ziel. Es gibt ihnen die strategische Richtung vor. Dieses Konzept verwende ich auch, meine Mission lautet:

Mit hilfreichen Tools und inspirierenden Geschichten Menschen für Scrum begeistern

Dies ist mein Nordstern, der mir den Weg weisen soll. Wie ich dort hinkomme, gilt es, tagtäglich herauszufinden. Erfolgreiche Produktteams orientieren sich dabei weniger an Plänen, Meilensteinen und Fristen, sondern am Wert des Produkts. Für mich bedeutet das, ich orientiere mich daran, was Leser begeistert.

Konkret verwende ich hierfür die folgenden Kennzahlen:

  • Anzahl der Abonnenten des LinkedIn-Newsletters
  • Engagement-Metriken jedes einzelnen Artikels, wie Auffindbarkeit, Artikelaufrufe, Reaktionen und Shares
  • Qualitatives Feedback in Kommentaren, Nachrichten oder Gesprächen mit Lesern

Diese Kennzahlen geben mir eine gute Rückmeldung, ob die Tools und Geschichten, die ich liefere, ihnen tatsächlich helfen oder nicht. Sie bilden den Rückweg und schließen die Lernschleife.

Das Product Backlog enthält die erfolgversprechendsten Chancen 

 

Bleibt noch die Frage zu beantworten, was ich als Nächstes schreiben soll, um mein Ziel zu verfolgen.

Hierfür verwende ich unterschiedliche Strategien:

Die erste Strategie bezeichne ich als datengetriebenes Schreiben. Sie besteht aus drei Schritten:

  1. Ich schaue mir die Daten an und werte aus, welche Artikel gut angekommen sind. 
  2. Bei diesen Artikeln versuche ich zu verstehen, was daran funktioniert hat.
  3. Dann versuche ich diesen Erfolg zu wiederholen oder zu überbieten, indem ich etwa noch weiterführende Artikel zu diesem Thema verfasse.

Die Daten aus Schritt 1 sind Signale, die mir den Weg zu meinem Ziel weisen. Ich sage bewusst Signale, da es nur Annahmen sind. 

Hier ein Beispiel: 

Den Artikel „17 Scrum-Mythen, die jeder Professional Scrum Master widerlegen können muss“ haben 1000 Leser gelesen und er erhielt 44-mal einen Like.

Die Frage, die ich mir nun stelle, lautet: Was an diesem Artikel hat den Lesern gefallen, dass er so überdurchschnittlich häufig angeklickt und geliked wurde?

Meine Hypothese lautet: Das Format „X Mythen“ finden Leser spannend. Daraufhin habe ich den Artikel „7 Mythen über Sprint-Ziele und wie du sie widerlegst“ geschrieben. Er hat 29 Likes erhalten. Ich werte dies als ein starkes Signal, dass die Leser die Mythen mögen. 

Meine nächste Hypothese lautet: „Sprint-Ziele“ ist weniger interessant als „Scrum“. Um mehr darüber zu erfahren, schreibe ich jetzt am Artikel „5 Mythen über die Skalierung von Scrum“. 

 

Eine weitere Strategie lautet: „Höre auf das Leserfeedback!“

Aus den Kommentaren unter den Artikeln, den Gesprächen in Trainings oder im Coaching erreicht mich eine Vielzahl von Fragen. Diese Fragen zu beantworten ist eine einfache Strategie, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, etwas zu schreiben, was den Lesern hilft. 

Viele Autoren glauben noch, dass es sich nicht lohnt, nur Fragen von einzelnen Personen zu beantworten. Ich glaube, dass dies für digitales Schreiben nicht gilt. Auf LinkedIn gibt es bestimmt nicht nur eine Person, die genau diese Frage hat. Und der LinkedIn-Algorithmus hilft uns, dass die Antwort alle Menschen erreicht. 

Hier als Beispiel ein Kommentar, welcher Anlass für viele Artikelideen birgt.

Zusammengefasst nutze ich also die Signale meiner Artikel und das Feedback der Leser, um neue Möglichkeiten zu finden, meinem Ziel „Mit hilfreichen Tools und inspirierenden Geschichten Menschen für Scrum zu begeistern“ näherzukommen. 

Zum Schluss gibt es noch eine Auflistung der Elemente des Scrum Rahmenwerks, die ich verwende, um mir ein System zu schaffen, welches mir hilft, auf lernende Art ein Produkt zu entwickeln.

  • Produkt-Ziel = Meine Mission
  • Produkt = LinkedIn-Newsletter
  • Produkt Inkremente = Artikel im LinkedIn-Newsletter
  • Einwöchige Sprints = Ein Newsletter-Artikel pro Woche
  • Sprint Review = Engagement-Metriken
  • Product Backlog = Auswertungen von Metriken und Feedbacks

Wenn du diesen Artikel inspirierend fandest oder weitere Fragen hast, dann schreibe es mir in die Kommentare. Du weißt ja: Kommentare dienen mir als Quelle für neue Artikelideen.

Simon Flossmann
Simon Flossmann
Als Professional Scrum Trainer bei Scrum.org hilft Simon Scrum Masters, Product Ownern und Agile Leaders, Scrum effektiv einzusetzen, um agiler zu werden.

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