Hey Scrum Master, das ist unser Daily!

Hast du auch das Gefühl, dass du jeden Tag ein Daily Scrum Schauspiel für deinen Scrum Master aufführen musst? Und du spielst mit, weil das der einfachste und schnellste Weg zurück zur Arbeit ist? 

Einfach seine drei Fragen beantworten und geduldig zu warten, bis alle anderen im Team das auch getan haben … Dann bist du nicht allein.

Fünf verbreitete Mythen

Ich habe über die Jahre Dutzende Teams als Scrum Master oder als Mentor für einen Scrum Master begleitet. Und fast überall bin ich auf eine Reihe von Mythen in Bezug auf das Daily Scrum gestoßen. Mythen, die viele Entwickler und auch Scrum Master im Alltag leiten, und zwar obwohl sie weder richtig noch hilfreich sein. Und viele Artikel, die über das Daily Scrum im Netz zu finden sind, tragen kräftig zur Verbreitung bei. Als Kostprobe hier einige dieser Mythen, die mir in meinen Trainings besonders oft genannt werden:

  1. Der Scrum Master hat die Aufgabe, das Daily Scrum zu moderieren.
  2. Im Daily Scrum muss jeder jeder die drei Fragen (Gestern? Heute? Hindernisse?) beantworten und insbesondere den anderen erläutern, was er/sie seit dem letzten Daily Scrum gemacht hat.
  3. Das Daily Scrum dient der Transparenz, d.h. es ist ein Status-Report, um Product Owner und Scrum Master auf den neuesten Stand zu bringen.
  4. Wenn Entwickler eine Frage oder ein Problem haben, sollten sie es sich merken und beim nächsten Daily Scrum als Hindernis zur Sprache bringen
  5. Das Daily Scrum war erfolgreich, wenn sichergestellt ist, dass danach alle Entwickler eine Aufgabe haben, an der sie arbeiten können.

Wenn du zu diesen Mythen zustimmend nickst, dann hält ein Scrum Kurs vermutlich eine ganze Reihe von Überraschungen für dich bereit. An sie zu glauben führt oft zu Daily Scrums, die keinen Wert stiften, sondern im besten Fall Zeitverschwendung oder sogar schädlich sind.

Bloß weg vom Daily Scrum als Theater

Vermutlich hast du eher das Gefühl dich in einer Aufführung eines Daily Scrum Theaters wieder zu finden, als gerade positiv und konstruktiv mit deinen Kollegen zusammenzuarbeiten. Alle sagen ihre Sätze auf, der Scrum Master stellt seine Fragen und am Ende sind alle froh, wieder an die Arbeit zu können. Denn wie Arbeit, die dir Spaß macht, fühlt sich das nicht an.

Aber zum Glück gilt: Ihr könnt das Daily Scrum leicht verändern.
Niemand hat dich als Schauspieler engagiert. Und deswegen musst du auch nicht jeden Tag eine neue Folge dieses Daily Scrum Theaters aufführen. Im Gegenteil, Scrum fördert und fordert von den Teammitgliedern Offenheit und Mut. Die Gestaltung des Daily Scrums ist eine gute Gelegenheit, beides zu zeigen.

Das Daily Scrum gehört den Entwicklern, nicht dem Scrum Master

Denn Scrum als Rahmen gibt euch Entwicklern explizit den Raum, das Daily Scrum so zu gestalten, dass es für euch hilfreich ist. Wenn es sich also schlecht anfühlt, könnt ihr es einfach anders machen, ohne dafür jemanden um Erlaubnis fragen zu müssen. Wie könntest du das tun? Bring das Thema bei eurer nächsten Retrospektive auf oder sprich das Thema einfach mit deinen Kollegen an. Denken sie ähnlich? Dann macht es am nächsten Tag einfach mal anders. Falls euer Scrum Master protestiert, erklärt ihm gerne “Hey Scrum Master! Das ist unser Daily!” Dass ihr dabei seine Fragen beantworten müsst, ist nicht Teil von Scrum! Ihr dürft ihm auch die passende Stelle aus dem Scrum Guide vorlesen:

Das Daily Scrum ist ein 15‐minütiges Event für die Developer:innen des Scrum Teams. […] Die Developer:innen können Struktur und Techniken beliebig wählen, solange ihr Daily Scrum sich auf den Fortschritt in Richtung des Sprint‐Ziels fokussiert und einen umsetzbaren Plan für den nächsten Arbeitstag erstellt.

Vielleicht ist das eine gute Gelegenheit für ihn, sich mit dem Scrum von heute zu beschäftigen. Vielleicht rennt ihr aber auch offene Türen bei ihm ein, und er freut sich, dass ihr die Initiative zur Neugestaltung übernehmt.  Möglicherweise hat er sogar hilfreiche Vorschläge parat.

Experimentiert mit eurem Daily, bis es für euch passt!

Damit euer neu gestaltetes Event auch seinen Teil zum Funktionieren von Scrum beiträgt, solltet ihr im Auge behalten: Ist euer Plan, wie ihr das Sprintziel erreicht, nach dem Daily Scrum wieder 

  1. plausibel, d.h. ihr seid ernsthaft zuversichtlich, so das Sprintziel erreichen zu können, und
  2. so konkret, dass ihr alle gemeinsam sinnvoll darauf zusteuern könnt.

Habt dabei keine Angst vor der Veränderung des Ablaufs. Es muss nicht für immer so sein. Probiert es einfach mal ein paar Tage so aus, und dann schaut ihr nochmal drauf. Und wenn das Daily noch nicht recht passend scheint, dann ändert ihr es einfach nochmal. Ihr dürft das. Einfach so. 

Ein paar Anregungen? Nutzt ihr die drei Fragen? Wenn ja,  dann lasst einfach mal die Frage nach dem Gestern weg. Habt ihr schon mal “Walk the Wall” probiert, gerne in Kombination mit Story-Paten? Oder ein Collaborative Daily Scrum mit Breakout-Sessions? Oder … Lasst mich in den Kommentaren hören, was ihr probiert habt, welche Techniken für euch gut funktionieren.

Die Brandbekämpfung beginnt nicht erst nach dem nächsten Daily

Manchmal bereitet es Sorge, wenn man mit der eigenen Arbeit nicht weiterkommt, niemand unterbricht gern einen Kollegen. Doch wenn etwas unklar ist oder gar Probleme bereitet, dann ist meist besser, sofort darauf einzugehen und nicht bis zum nächsten Tag zu warten.

Craig Larman beschreibt ein ganz ähnliches Muster übrigens als wichtigsten Leitfaden zur Koordination zwischen Teams. Es heißt “Just Talk” und funktioniert so:

  1. Du bemerkst die Notwendigkeit, etwas mit Team B abzustimmen
  2. Steh auf
  3. Geh zu Team B
  4. Sage: “Hi, wir müssen reden.”

Das klingt vielleicht wie ein Scherz, aber probiere es einfach mal aus. Sobald ein Problem auftaucht, greif es auf. Du darfst mit dem Löschen des Feuers beginnen, sobald du es bemerkst und nicht erst, wenn es sich bereits zum Zimmerbrand (beim nächsten Daily Scrum) oder gar zum Großbrand (nächste Retrospektive) entwickelt hat.
Du bist viel zu oft als Feuerwehr unterwegs? Dann ist die Retrospektive der richtige Ort, darüber zu sprechen.

Vielleicht liegt das Problem auch weiter vorne!

Möglicherweise habt ihr bei eurem Daily Scrum auch das Gefühl: “Hier gibt es doch gar keinen Plan, der auf ein Sprintziel zusteuert. Da ist nichts zum Fortschreiben oder Abändern.” oder “Es gibt zwar einen Plan, aber das ist nicht unserer.” Dann könnten die Schwierigkeiten im Daily Scrum eine Folge eures Sprint Plannings sein, was zur Frage führt: Wie gestaltet ihr Developer den Teil eures Sprint Plannings, in dem ihr euren Plan für den Sprint entwickelt. Tipp: Standard-Tasks “Coden”, “Testen”, “Dokumentieren” sind nicht die Lösung.

Kennst du diese Muster auch? Dann teile doch deine Erlebnisse und wie du damit umgehst in einem Kommentar zu diesem Artikel.

Aber zuerst darfst du wegen eurem Daily Scrum mit deinem Team reden. Vielleicht rennst du ja bei deinen Team-Kollegen und bei deinem Scrum Master offene Türen ein und musst gar nicht sagen: “Hey Scrum Master, das ist unser Daily!”

Willst du mehr darüber lernen?

Vielleicht ist jetzt der richtige Zeitpunkt, nicht nur allein auf deinen Scrum Master zu vertrauen, sondern dir selbst ein Bild von Scrum aus der Perspektive der Entwickler zu machen. Ein gutes Daily Scrum zu gestalten ist nur eines der vielen praxisrelevanten Themen, die wir in meinem Certified Scrum Developer Kurs behandeln. Und schau dir doch mal unser Trainingsangebot an. Vielleicht ist ja auch für dich was hilfreiches dabei.

Pascal Gugenberger
Pascal Gugenberger
Pascal ist Certified Scrum Trainer der Scrum Alliance und zugleich erfahrener Agile Coach mit einem soliden Software-Development Background. Seit über 15 begleitet er Menschen und Organisationen auf ihrem Weg zu mehr Agilität. Er brennt dafür, Menschen und Organisationen zu helfen in einer immer dynamischeren Welt ihr Potenzial zu entfalten. Mit menschengerechten Trainings und Perspektiven eröffnendem Coaching - mit Leidenschaft und Einfühlungsvermögen.

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