Scrum Master als Facilitator: So bleibst du neutral – und dein Team gewinnt
Einige sagen, ein Facilitator ist dann am besten, wenn er inhaltlich nicht versteht, worum es geht. So gerät er nicht in Versuchung, selbst mitzudiskutieren oder inhaltliche Wertungen vorzunehmen.
Der Facilitator eines Workshops beispielsweise ist für den Prozess und die Teilnehmer für den Inhalt verantwortlich.
Aber funktioniert diese neutrale Haltung auch für die Rolle eines Scrum Masters? Und was bedeutet neutral eigentlich?
Der neutrale Scrum Master?
Neutralität bedeutet, frei zu bleiben von Urteilen über gut oder schlecht, wahr oder falsch und korrekt oder fehlerhaft. Neutralität bedeutet im Kern objektiv zu bleiben. Also nicht durch Gefühle, Urteile oder Ansichten beeinflusst zu werden.
Aber seien wir mal ehrlich, diese Haltung ist für Scrum Master doch unmöglich.
Wie soll man nach Wochen gemeinsamer Arbeit in einem Sprint Review frei von Gefühlen, persönlichen Urteilen und Ansichten sein? Außerdem: Ein Scrum Master übernimmt Verantwortung im Scrum-Team und ist somit für den Erfolg des Teams mitverantwortlich.
Deshalb glaube ich, dass ein Scrum Master niemals wirklich neutral sein kann.
Das bedeutet aber nicht, dass wir als Scrum Master nicht nach dem Ideal streben sollten, neutrale Facilitatoren zu sein. Denn am Ende entscheidet häufig schon der Grad an Neutralität in einer hitzigen Diskussion über den Erfolg des Teams, zum Beispiel zwischen Stakeholder und Scrum-Team.
Es ist die neutrale Haltung des Scrum Masters, die erst Entscheidungen fördert, die wirklich jeder mitträgt.
Wir kann ich als Scrum Master konkret zu dieser neutralen Haltung gelangen, ohne doch inhaltlich eingreifen, wenn es hitzig und intensiv wird?
In den letzten Jahren habe ich viele Dinge ausprobiert, um in Diskussionen eine möglichst neutrale Haltung einzunehmen. Ich habe sie im Folgenden für dich zusammengefasst. Diese Tipps werden dir vielleicht schon bald dabei helfen, dein Team auch in schwierigen Diskussionen zu einer Entscheidung zu führen, die jeder mitträgt.
5 Tipps, um als Scrum Master Workshops und Scrum-Events so neutral wie möglich zu fazilitieren
1. Nimm dich zurück und stelle immer das Team in den Mittelpunkt
Wie kannst du trotz deiner Verantwortung im Team eine neutrale Haltung einnehmen und nach außen signalisieren?
Du wirst als neutral wahrgenommen, wenn du auf inhaltliche Vorschläge und das Mitteilen deiner persönlichen Meinung verzichtest. Biete stattdessen Beobachtungen an.
Hier zwei Beispiele, dann siehst du den Unterschied:
- Statt „Ich denke, es wäre hilfreich, wenn …“ sage: „Was benötigt ihr, um weiterzumachen?“
- Statt „Lasst uns weitermachen!“ verwende „Was fehlt euch noch?“ oder „Was braucht ihr noch, um den nächsten Punkt zu besprechen?“
Zusammengefasst: Vermeide Ich-Botschaften und direkte Anweisungen, wenn du als neutral wahrgenommen werden willst.
2. Stelle weniger inhaltliche Fragen, dafür mehr Fragen zum Prozess
Ob du als Facilitator den Inhalt verstehst oder nicht, ist belanglos, wenn du objektiv sein willst. Wichtig ist, dass du als Facilitator deine Aufgabe verstehst. Du musst ein Bewusstsein über die Art und Weise haben, wie das Team bei der Problemlösung voranschreitet. Es sollte dir also um den Prozess gehen. Es geht nicht darum, Antworten auf die vorliegende Frage zu geben oder das Team subtil in eine Richtung zu lenken.
Du erreichst das, indem du weniger inhaltliche Fragen stellst und stattdessen Fragen zum Prozess:
- „Ich stelle fest, dass wir schon seit fünfzehn Minuten über dasselbe Thema sprechen. Ist das hilfreich? Wenn nicht, was würde uns weiterbringen?“
- „Es gibt im Moment drei verschiedene Themen in diesem Gespräch. Über welches Thema sollten wir als erstes sprechen?“
Mit solchen Fragen bleibst du selbst objektiv und neutral gegenüber den Inhalten. Gleichzeitig hilfst du dem Team, bei der Lösungsfindung voranzukommen.
3. Ermutige die Teammitglieder, verschiedene Perspektiven zu vertreten
Objektivität entsteht auch durch gegensätzliche Ansichten. Lass sie im Workshop zu, mehr noch: Fördere sie! Wenn du dabei neutral bleiben willst, dann begehe nicht den Fehler, den unerfahrene Facilitatoren machen.
Sie versuchen, gegensätzliche Ansichten zu fördern, indem sie diese Ansicht selbst einbringen. Sie beginnen ihre Sätze so:
- „Objektiv betrachtet, ist es doch so …“
- „Nichts für ungut, aber … “
- „Um mal eine andere Perspektive reinzubringen, …“
Da diese Sätze immer mit einer eigenen inhaltlichen Perspektive enden, mischen sie sich damit unweigerlich in die inhaltliche Diskussion ein. Wenn du möglichst neutral bleiben willst, solltest du das vermeiden.
Ermutige lieber die restlichen Teammitglieder dazu, gegensätzliche Perspektiven zu äußern:
„Ist es möglich, dass die Alternative [zu dem, was du gerade gesagt hast] für manche Menschen wahr ist? Wie kann das sein?“
Werden gegensätzliche Ansichten geäußert, dann schätze diese:
„Danke, dass du deine Sichtweise mit uns teilst. Es ist immer schön zu sehen, wie viele verschiedene Perspektiven es zu einem Thema gibt.“
Machst du als Facilitator bewusst die gegensätzlichen Ansichten innerhalb der Gruppe sichtbar, so kannst du selbst inhaltlich neutral bleiben.
4. Lenke den Blick auf die Zukunft und vermeide Rechtfertigung möglicher Fehler der Vergangenheit
In technischen Studiengängen wird uns eingetrichtert, nach Gründen zu suchen.
Deshalb ist die erste Frage, die uns einfällt, die Frage nach dem Warum. „Warum kam es zu diesem Problem?“, „Was sind die möglichen Ursachen, dass dieses Problem auftrat?“ und „Was sind die Gründe für dieses Verhalten?“. Wenn wir es mit Maschinen oder Programmen zu tun haben, ist diese Frage hilfreich. Hat eine Maschine ein Fehlverhalten, geht es darum, dieses abzustellen und deshalb müssen wir verstehen, was die Ursache dafür ist.
Die Sache ist nur:
Facilitation hat nichts mit Maschinen oder Programmen zu tun! Es geht um Menschen und soziale Systeme.
Die Frage nach dem „Warum“ führt schnell tief in das Problem hinein, um dort nach Gründen und möglichen Schuldigen zu suchen. Wir sollten uns stattdessen auf die Frage nach dem „Wozu“ konzentrieren. Das „Wozu“ führt uns direkt in die gewünschte Zukunft. Außerdem hilft sie uns zu verstehen, denn wir werden nach dem Zweck suchen.
Und da der Zweck frei von Urteilen und Schuldzuweisungen ist, helfen dir Fragen nach dem „Wozu“ dabei, neutral zu bleiben.
5. „Und“ statt „Aber“: Verbinde die Gedanken deines Teams und beschränke sie nicht negativ
Kennst du die magische Kraft des Wortes „aber“?
Als Facilitator ist es deine Aufgabe, dem Team zu helfen, ein gemeinsames Verständnis herzustellen. Das falsche Verwenden des Wortes „aber“ kann dich dabei behindern.
Sieh dir diesen Satz an:
„Tolle Idee, aber es gibt einen Bereich, den du beim nächsten Mal bedenken solltest.“
Was ist dir aufgefallen? Alles, was vor dem kleinen Wort „aber“ gesagt wurde, wird von unserem Gehirn gelöscht. Und alles, was nach dem Wort „aber“ gesagt wird, wird verstärkt. Vor allem, wenn das, was auf das „aber“ folgt, das genaue Gegenteil von dem ist, was dem „aber“ vorausging. Verwendest du das Wort „aber“, nimmst du eine Einschränkung des vorher Gesagten vor. Damit wirst du nicht mehr als neutral wahrgenommen.
Deshalb lautet mein Tipp: Ersetze das Wort „aber“ durch „und“. Schon verschwindet der negative Effekt für den ersten Teil der Aussage.
Extra-Tipp: Sprich so wenig wie möglich, dann wirst du weniger beeinflussen
Zum Schluss noch einen zusätzlichen Tipp:
In Scrum-Events haben Scrum Master häufig ungewollt eine autoritäre Position. Da Scrum Master viel Erfahrung in der Anwendung von Scrum haben, erwarten die restlichen Mitglieder des Teams häufig Unterstützung in den Scrum-Events: „Bitte sage uns doch, wie das Sprint-Ziel lauten sollte?“ oder „Welche Verbesserung sollten wir umsetzen?“ Möchtest du als Scrum Master möglichst neutral bleiben, dann solltest du dem Drang widerstehen, sofort eine Antwort zu geben.
Ein Kniff, damit es dir gelingt:
Biete dem Team an, dass du deine Meinung äußern wirst, aber nur, wenn vor dir noch drei weitere Teammitglieder eine Idee äußern. So verhinderst du, dass deine Meinung isoliert im Raum steht und fälschlich als die einzig richtige interpretiert wird.
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