Haben wir einen Konflikt oder hat der Konflikt uns?

Markus Ingendahl
Agile Coach, Systemischer Coach

Konflikte gehören zu unserem Alltag, aber wissen wir eigentlich, wie ein Konflikt entsteht und was ihn ausmacht?

Wir brauchen dieses Wissen, damit wir im privaten und beruflichen Alltag das Rüstzeug haben, besser mit Konflikten umgehen zu können.

Bist Du konfliktfähig?

Es ist ein spannendes Experiment, beliebigen Personen diese Frage zu stellen und anschließend nachzuhaken, was sie denn eigentlich unter Konfliktfähigkeit verstehen.

Ich selbst hatte diesbezüglich ein recht vages Bild bis ich über ein tolles Buch des Konfliktforschers Friedrich Glasl gestolpert bin.

Konfliktfähigkeit wird dort so definiert:

  • Du nimmst Konfliktphänomene in Dir und Deiner Umgebung möglichst früh und deutlich wahr
  • Du verstehst, welche Mechanismen zur Intensivierung der Konflikte und zur Verstrickung beitragen
  • Du vermagst es, vielfältige Methoden anzuwenden, mit denen Du in Konflikten Dein Anliegen ausdrücken kannst, ohne die Situation wesentlich zu verschlimmern
  • Du kennst Mittel und Wege, die zur Klärung von Standpunkten und Situationen beitragen können und kannst diese auch anwenden
  • Du kannst gut erkennen, wo die Grenzen den eigenen Wissens und Könnens liegen und wo Du dich deshalb um Hilfe von außen bemühen solltest

Diese Definition hat es in sich und hat mich neugierig gemacht.

Wie entsteht ein Konflikt?

Glasl beschreibt die Natur von Konflikten mithilfe eines Modells, welches die Individualität eines jeden Menschens in den Vordergrund stellt.

Jeder Mensch ist individuell und definiert sich über seine Wahrnehmung, sein Denken und Vorstellen, über das, was er fühlt und was er will bzw. was ihn antreibt.

Diese Mischung aus den verschiedenen psychischen und seelischen Einflüssen bzw. Funktionen differenziert uns von einander. Oder um es mit den Worten von Friedrich Glasl zu sagen: wir haben mit fast allen Menschen auf der Welt Differenzen.

Diese Vielfältigkeit macht uns aus und die Unterschiedlichkeit bzw. die Differenzen zwischen den Menschen stellen an sich auch kein Problem dar.

Spannend wird es jedoch, wenn aus der individuellen Unterschiedlichkeit Verhaltensweisen entstehen, die das Gegenüber als einschränkend für sich empfindet.

Mit anderen Worten: aus Differenzen entsteht dann ein (sozialer) Konflikt, wenn die verschiedenen psychischen und seelischen Funktionen eines Menschen zu Verhaltensweisen führen, die wiederum zu einer erlebten Beeinträchtigung derselben Einflüsse eines anderen Menschen führen.

Psychische und seelische Einflussfaktoren eines Konflikts
Psychische und seelische Einflussfaktoren eines Konflikts

Wie eskaliert ein Konflikt?

Jeder von uns hat vermutlich schon Erfahrungen mit unterschiedlich verlaufenden Konflikten gemacht – manche ließen sich leicht lösen und manche sind richtig durch die Decke gegangen, vielleicht sogar mit nachhaltigen Schäden.

Und vielleicht hat sich auch der eine oder andere Leser selbst schon einmal in einer Konfliktsituation erlebt, in der er oder sie sich anschließend gefragt hat, wie es so eskalieren konnte.

Eine Erklärung liefert hier ebenfalls das obige Modell der psychischen und seelischen Funktionen – dieses Mal allerdings vielleicht mit etwas überraschenden Erkenntnissen (zumindest war es für mich so).

Laut Glasl verändern sich im Laufe eines Konflikts die seelischen und psychischen Funktionen derart, dass sich ihre negativen Wirkungen gegenseitig verstärken.

Was bedeutet das?

Das beutet, dass sich bereits nach kurzer Dauer eines Konflikts die Art und Weise verändert,

  • (1) wie sich die Konfliktparteien gegenseitig wahrnehmen
  • (2) welche Bedeutung sie dem geben
  • (3) welche Gefühle sie für einander haben
  • (4) was sie von einander wollen
  • (5) & (6) und was sie in Wort und Tat einander antun

Mit anderen Worten: die Konfliktparteien durchlaufen (häufig unbewusst) eine Veränderung, die sich wiederum auf den Verlauf des Konflikts auswirken kann, was wiederum zu Veränderungen bei den Konfliktparteien führt, usw..

Aber was passiert genau?

“Was sich einer denkt beim Hören, lässt sich von keiner Wahrheit stören”

Konflikte und der damit einhergehende Stress beeinträchtigt die sinnliche Wahrnehmung, was dazu führt, dass die Konfliktparteien unterschiedliche Bilder der Wirklichkeit entwickeln.

Das können Kleinigkeiten sein, wie beispielsweise eine falsche Erinnerung an eine bestimmte Situation oder sogar die vollkommen falsche chronologische Reihenfolge von Ereignissen.

Die Konfliktparteien sind sich der eigenen Fehlwahrnehmung aber nicht bewusst, sehen ihr eigenes Bild als richtig an und glauben, dass die andere Partei die Wahrheit bewusst verfälsche.

Das wiederum steigert die Aggression und damit einhergend auch die Wahrnehmungsunterschiede.

Als Konsequenz wird Bedrohliches deutlicher wahrgenommen, ärgerliche Eigenschaften des Gegners verstärkt, komplexe Situationen simplifiziert und mitunter verliert man die Fähigkeit, die mittel- und langfristigen Folgen des eigenen Handels überblicken zu können.

Ohne selbst zu erkennen, dass die eigene Wahrnehmung lückenhaft und wirklichkeitsfremd sein könnte, interpretieren die Parteien das jeweils andere Verhalten auf dieser Basis, was zu Schuldzuweisungen, Vorurteilen und der Bestätigung eigener Befürchtungen führen kann.

Gut und Böse

Durch die Spannung und den Stress in Konflikten wird auch das eigene Gefühlsleben beeinflusst – es entsteht Misstrauen.

Gerade in Kombination mit den oben besprochenen Zerrbildern der Realtität fragen sich die Konfliktparteien irgendwann:

  • Werde ich hereingelegt?
  • Bin ich zu gutmütig?
  • Führt der Gegner etwas (Böses) im Schilde?

Durch die sich langsam verstärkende Unsicherheit empfinden die Konfliktparteien negative (Misstrauen & Angst) und positive Gefühle (man mag den anderen ja vielleicht).

Je stärker der Konflikt wird, so Glasl, umso schlimmer wird die Gut/Böse-Spannung, die die Konfliktparteien spüren, und irgendwann ist sie so stark, dass sie nicht mehr ertragen werden kann.

In diesem Fall vereinnahmt man alle positiven Gefühle für sich selbst und projiziert alle negativen Gefühle auf den Gegner.

Das Ergebnis ist eine immer stärker werdende eigene Abkapselung von der Umwelt bzw. der Realität mit gleichzeitigem Verlust von Mitgefühl und Einfühlungsvermögen für die andere Konfliktpartei.

“Wenn die Schafe rasend werden, sind sie schlimmer als Wölfe!”

Je intensiver ein Konflikt ist, umso enttäuschter und angespannter die Konfliktparteien werden, umso einseitiger, engstirniger und starrer wird das, was man eigentlich will.

Während am Anfang des Konflikts noch viele Lösungsalternativen erkannt werden, reduziert sich das mit immer länger dauernder Auseinandersetzung auf immer striktere Positionen und Forderungen – es entsteht eine “Alles oder nichts!”-Mentalität.

Der Kampf um Positionen und Forderungen kann im schlimmsten Fall radikal oder gar fanatisch werden.

Glasl spricht gerade in diesem Zusammenhang von der sogenannten Regression (also der Rückentwicklung) ins Unbewusste: Triebe und Instinkte brechen hervor und können im sozialen Umfeld zerstörerische Einflüsse entwickeln.

Auge um Auge, Zahn um Zahn

Zu den oben beschriebenen negativen Veränderungen in der Wahrnehmung, dem Fühlen und Denken und dem Wollen gesellt sich abschließend auch noch die schwindende Fähigkeit, die eigenen Gedanken ausdrücken zu können.

Als Konsequenz deckt sich das, was gesagt und getan wird, nur noch zum Teil mit den eigentlichen Absichten.

Hierdurch ergeben sich beim Konfliktgegner Wirkungen, die an sich ungewollt sind und deren Effekte selbst nicht so wahrgenommen werden. Hierbei haben die ungewollten Nebenwirkungen mitunter mehr Gewicht beim Gegner, als die gewollten Hauptwirkungen. So kann bspw. eine gewisse Wortwahl den Gegner unbewusst verletzen und die eigentliche sachliche Aussage in den Hintergrund treten lassen.

Aus einer ungewollten, jedoch für den Gegner unangenehmen Konsequenz des eigenen Handelns kann wiederum ein entsprechender Gegenschlag resultieren.
In dessen Folge kommt es zu beiderseitigen Verletzungen, selbst wenn sie ursprünglich ungewollt waren.

Durch die verschobene Sicht auf Gut und Böse geben die Parteien sich gegenseitig die Verantwortung für diese Entwicklung, was die Eskalation verstärkt.

Haben wir einen Konflikt oder hat der Konflikt uns?

Zum Glück entwickelt sich nicht jeder Konflikt bis zum Äußersten, aber vielleicht hat der eine oder andere Leser sich selbst in einem gewissen Konflikt oder Verhalten wiedererkannt.

Das Wissen über die Natur, die Eskalation von und die eigene Rolle in Konflikten kann dabei helfen, Eigendynamik zu vermeiden.

Aber gibt es einen Punkt, an dem sich ein Konflikt so verselbstständigt, dass die Konfliktparteien nicht mehr in der Lage sind, ihn selbst zu lösen?

Um diese Frage zu beantworten, hat Glasl ebenfalls ein verständliches Modell entwickelt.

Konfliktstufen nach Glasl
Konfliktstufen nach Glasl

Lässt sich ein sachlicher Konflikt nicht einfach lösen, kann es sein, dass sich hierdurch die persönliche Wahrnehmung bzgl. des Gegenübers ändert. Dieses wiederum kann den sachlichen Konflikt verstärken. Wie das geschehen kann, ist oben beschrieben.

Laut Glasl sind die Konfliktparteien in diesen Phasen noch in der Lage, sich selbst aus dem Konflikt zu befreien und ihn zu lösen.

Eine andere Dynamik bekommt das Geschehen dann, wenn die Konfliktparteien die Differenzen auf Sach- und Beziehungsebene unterschiedlich deuten.

Ab diesem Moment entsteht eine zweite Konfliktebene: der Konflikt über den Konflikt – die Parteien nehmen die Natur des ursprünglichen Konflikts unterschiedlich wahr. Das wiederum verstärkt den Ärger der zwischenmenschlichen Ebene, die sachlichen Standpunkte verhärten sich.

Hier lässt sich laut Glasl noch mit sogenannter “Nachbarschaftshilfe”, also durch unbeteiligte, neutrale Personen, ein Weg aus dem Konflikt finden.

Wenn die Konfliktparteien in der letzten Stufe aufgrund der unterschiedlichen Wahrnehmung der “Ursachen und Hintergründe” des Konflikts (Konflikt über den Konflikt) zu unterschiedlichen Lösungsansätzen kommen und diese von jeweiligen Gegner abgelehnt werden, ist die letzte Eskalationsstufe erreicht.

Ab diesem Punkt – die wechselseitige Verstärkung über die verschiedenen Ebenen kann sich in dieser Phase noch fortsetzen – braucht es professionelle Hilfe, bspw. durch einen ausgebildeten Konfliktberater. Die Verstrickung in der Dynamik des Konflikts ist dann zu stark, um ohne entsprechende Expertise und Beratung einen Ausweg finden zu können.

Ausblick

Konflikte sind allgegenwärtig und dennoch sind wir in unserem sozialen Umfeld und im Berufleben selten gut ausgebildet, um mit Konflikten konstruktiv und strukturiert umgehen zu können.

Dabei sind Konflikte nichts Negatives, sondern bieten das Potenzial zur Veränderung und Verbesserung. Häufig entwickeln sich Neuerungen im persönlichen, beruflichen oder weltpolitischem Umfeld aus Krisen und Konflikten.

Daher ist es – so findet zumindest der Autor – wichtig, dass der Umgang mit ihnen bewusster stattfindet und das persönliche, berufliche und soziale Potenzial von Konflikten mehr wertgeschätzt wird.

Eine zentrale Voraussetzung für einen gesunden Umgang mit Konflikten ist die eigene Konfliktfähigkeit, zu deren Stärkung dieser erste Artikel beitragen soll.

Neben dem Verständnis, was einen Konflikt ausmacht und welcher Dynamik er unterliegt, ist es vor allem wichtig, die eigene Rolle in Konflikten besser zu verstehen, bevor man sich auf mögliche Lösungsansätze stürzt.

Abschließend soll jedoch vor allem das folgende hängen bleiben: Konflikte bieten das Potenzial zur gemeinsamen Weiterentwicklung und wenn man sich ein wenig bewusster mit ihrer Natur auseinandersetzt, erhöht das die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Potenzial genutzt wird.

In diesem Sinne…

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